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Transfusionsmedizin

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Prof. Dr. med. Holger Hackstein, MBA
Transfusionsmedizin

Prof. Dr. Karl Theodor Schricker verstorben

Prof. Dr. Karl Theodor Schricker, der erste Leiter der heutigen Transfusionsmedizinischen und Hämostaseologischen Abteilung (1976 bis 1992) ist am 21.12.2018 verstorben.

Prof. Dr. Karl Theodor Schricker war der erste Leiter der heutigen Transfusionsmedizinischen und Hämostaseologischen Abteilung in der Chirurgischen Klinik des Universitätsklinikums Erlangen von 1976 bis 1992.

Karl Theodor Schricker wurde am 4. Dezember 1924 in Würzburg geboren. Nach Kriegsdienst zunächst in Russland und später im Westen und nach britischer Gefangenschaft war er auf der Suche nach einer wiedereröffnenden deutschen Universität. Er studierte ab dem Wintersemester 1945/46 Humanmedizin in Erlangen, wo die Universität sehr früh ihren Betrieb wieder aufnahm. In den Jahren 1951 bis 1967 war er wissenschaftlicher Assistent an der Medizinischen Klinik der Universität Erlangen, wo er zum Facharzt für Innere Medizin ausgebildet wurde. 1953 erhielt er in Göttingen bei dem berühmten Peter Dahr seine ersten Unterweisungen in der Blutgruppenserologie. Zu seinem Aufgabengebiet gehörte nach diesem Ausbildungsabschnitt seit 1953 die Leitung der Blutbank der Medizinischen Klinik. Nach Zusammenlegung der Blutbanken der Chirurgischen und der Medizinischen Kliniken auf Initiative des Chirurgen Professor Gerd Hegemann wurde er 1967 zum Leiter der neugeschaffenen Blutbank für das Gesamtklinikum bestellt. 1969 integrierte er das Gerinnungslabor der Medizinischen Klinik in die Blutbank und damit die Hämostaseologie in die Transfusionsmedizin.

Für seine Habilitationsschrift zu seltenen Blutgruppenkonstellationen und zur Sensibilisierung gegen Blutgruppenantigene wurde Karl Theodor Schricker 1970 mit dem Thiersch-Preis der Medizinischen Fakultät der Universität Erlangen-Nürnberg ausgezeichnet. 1973 erfolgte die Ernennung zum Abteilungsvorsteher HS3 und 1975 die Berufung zum Professor für Transfusionsmedizin und Hämostaseologie. Die Abteilung wurde unter seiner Leitung weiter ausgebaut und im Jahr 1976 zur ersten selbstständigen Abteilung für Transfusionsmedizin und Hämostaseologie in Bayern. Daran ist sowohl die Tatsache bemerkenswert, dass durch Professor Schrickers Leistung das Fach Transfusionsmedizin in Bayern erstmals am Universitätsklinikum Erlangen akademisch eigenständig wurde, als auch die Leistung, von Anfang an die Hämostaseologie einzubinden. Beides erklärt sich aus dem wissenschaftlichen Werk Professor Schrickers sowie seinem steten Streben nach bestmöglicher klinischer Kooperation mit allen Fächern im Hause und den Außenkliniken.

Schwerpunkte der wissenschaftlichen Arbeit von Professor Schricker waren Grundlagen, Diagnostik und Therapie von Bluterkrankungen, Aufbau und Funktionen von Zellen, Prozesse der Blutstillung und Blutgerinnung und der Diabetes mellitus. Zusammen mit Professor Siegfried Witte führte Schricker 1959 die erste Knochenmarktransfusion in Erlangen durch und publizierte und forschte in einer der ersten Arbeitsgruppen, die sich in Deutschland mit dieser innovativen Behandlungsmethode hämatologischer Krankheiten befasste.

Die Ergebnisse seiner wissenschaftlichen Tätigkeit in den oben genannten Arbeitsgebieten spiegeln sich in 4 Handbuchbeiträgen, 19 Buchbeiträgen und 268 Publikationen in deutschen und international anerkannten Zeitschriften und zahlreichen Vorträgen auf Kongressen wider. Neben der klinischen Tätigkeit war er auch als Fachberater und Gutachter in der Bayerischen Landesärztekammer tätig.

Nach 41 Jahren im Berufsleben trat Professor Dr. Karl Theodor Schricker 1992 in den wohlverdienten Ruhestand. Seither beschäftigte er sich mit klassischer Literatur und Musik. Neben dem Besuch von Opern und Konzerten genoss er es, Kulturreisen und Wanderungen im Gebirge zu unternehmen.

Transfusionsmedizinische Schwerpunkte seiner wissenschaftlichen Arbeit

Die Publikationen, Buchbeiträge und Referate Professor Schrickers umfassen die  Transfusionsmedizin, die Immunhämatologie und die Hämostaseologie in ihrer ganzen Breite. Sie befassen sich unter anderem mit Blutgruppenbestimmung, Kreuz­probe, Antikörpersuchtest, Antikörperdifferenzierung und ABO-Identifi­zie­rung am Krankenbett (Bedside-Test), der seltenen Blutgruppe 0h (Bombay-Phänotyp), Indikationen und Gefahren der Bluttransfusion, der Hämotherapie nach Maß, Transfusionszwischenfällen und ihrer Behandlung, der prä- und postoperativen Behandlung bei hämophilen Patienten in der Orthopädie, der Transfusion in der Inneren Medizin und der  therapeutischen Anwendung einzelner Fraktionen  des Blutes, mit Transfusionsproblemen bei der Nieren- und Lebertransplantation, mit Kreislaufveränderungen während des Aderlasses, der Eisensubstitution beim Blutspender und der Beziehung zwischen Blutgruppensystemen und Neoplasma ventriculi, Ulcus ventriculi und Ulcus duodeni. Weitere Themenschwerpunkte waren die ikterische und anikterische Transfusionshepatitis, AIDS aus der Sicht eines Transfusionsmediziners, die Antikörperbildung nach Blut­transfusionen und die Eigenblutspende. Professor Schricker beforschte die Tiefkühlkonservierung von Erythrozyten und die autologe Bluttransfusion tiefkühlkonservierten Blutes in der Herzchirurgie.

Sehr interessant sind auch im Rückblick gemeinsam mit Kollegen der Chirurgischen Klinik durchgeführte Arbeiten zur transfusionsassoziierten Immunsuppression bzw. Immunmodulation. Für das kolorektale Karzinom konnte er erstmals einen prognostisch negativen Einfluss der intra- und perioperativen Transfusion von Gefrorenem Frischplasma zeigen.

Zudem entwickelte Professor Schricker gemeinsam mit seinen Mitarbeitern zur Aufklärung von Patienten und Spendern vorgesehene Aufklärungsbögen und Merkblätter. Diese Bögen wurden zeitweise fast in der gesamten Bundesrepublik verwendet.

Testung von Blutspenden auf Infektionsmarker in Erlangen

Besonders erwähnt seien Professor Schrickers Arbeiten zur Transfusionshepatitis. Einerseits gelang ihm im Jahre 1969 der erste Nachweis, dass die Hepatitis B nicht nur durch Blutkonserven oder Blutderivate übertragen wird, sondern auch andere Infektionswege diskutiert werden müssen. Andererseits legte er mit Arbeiten zur Nachuntersuchung am Universitätsklinikum Erlangen operierter Patienten wichtige Daten zur Frequenz der Transfusionshepatitis an einem deutschen Universitätsklinikum vor. Damals entwickelten 6,7 Prozent der transfundierten Patienten postoperativ eine Hepatitis gegenüber nur 0,65 Prozent der nicht transfundierten. Als im Jahr 1970 erste Screeningtests für Spender verfügbar wurden, führte Professor Schricker diese unverzüglich in das Spenderscreening in Erlangen ein. Die praktischen Arbeiten wurden von der MTA Frau Ilsabe Lichtenstein durchgeführt, die in einem Labor der Chirurgischen Klinik die entsprechenden Testungen aufbaute.

Die infektionsserologische Testung von Blutspenden der Abteilung begann 1970 mit der Einführung der Untersuchungen auf HBs-Antigen und Antikörper dagegen (anti-HBs). Im  Jahre 1975 wurde die Testung auf HBc-Antikörper eingeführt, 1976 auf HBe-Antigen und HBe-Antikörper. Zur Verminderung des Übertragungsrisikos einer Hepatitis lief dieses Programm bis einschließlich Juni 1986. Die HBsAG-Testung erfolgte bei jeder Spende, die Anti-HBc-, die HBe-AG- und die Anti-HBe-Testung bei der überwiegenden Mehrzahl der Spenden. Die Untersuchung auf Antikörper gegen das HI-Virus (zunächst als Anti-HTLV-III-Bestimmung bezeichnet) begann ebenfalls bemerkenswert früh, nämlich am 11. März 1985 mittels eines Elisa-Tests der Firma Abbott. Seither wurde somit jede Spende auf Antikörper gegen HI-Viren untersucht.

Auch im Rückblick muss man die frühe Einführung des ersten Screeningtests auf Hepatitis-B-Virus-Infektion beim Spender und die frühe Erweiterung auf zusätzliche Testverfahren hervorheben. Nach den Feststellungen des Untersuchungsausschusses „HIV-Infektionen durch Blut und Blutprodukte“ des Deutschen Bundestages war die Einführung der HBsAG-Testung in Deutschland erst Mitte der 70er Jahre flächendeckend abgeschlossen. Und die Anti-HBc-Testung, die, wie gesagt, in Erlangen seit 1975 stattfindet, wurde erst durch ein Stufenplanverfahren des PEI im Jahr 2006 in ganz Deutschland verbindlich.

Hämostaseologische Forschungen

Während seiner gesamten Dienstzeit war Professor Schricker ein möglichst enger Kontakt zu allen Kliniken und Abteilungen und die Beratung in transfusionsmedizinischen und hämostaseologischen Fragen sehr wichtig. Dies gilt ganz besonders für das Feld der Hämostaseologie, die nur im engen Kontakt zur Klinik sinnvoll zu betreiben ist.

Die hämostaseologischen Publikationen Professor Schrickers befassen sich sowohl mit Grundlagen als auch mit klinischen Aspekten der Blutgerinnung. Themen waren Klinik, Diagnostik und Therapie plasmatischer und korpuskulärer Gerinnungsstörungen, die Hämophilie A und B, der von Willebrand-Faktor, der angeborene Mangel an verschiedenen Gerinnungsfaktoren, die Thrombozytenmorphologie und –funktion sowie Gerinnungsstörungen bei operativen Eingriffen, zum Beispiel die Auswirkung der Herzlungenmaschine auf das Gerinnungsverhalten oder der Einfluss von Aspisol® auf die Plättchenfunktion bei gefäßchirurgischen Eingriffen.

Würdigung

Die herausragende Leistung Professor Schrickers besteht in der früh begonnenen und nie aufgegebenen Verknüpfung der Patientenversorgung mit der Forschung und der klinischen Patientenbetreuung am Bett mit der Diagnostik im Labor. Auf der Basis seiner fundierten internistischen Ausbildung, die er stets pflegte und bewahrte, gelang ihm die Zusammenführung der Blutbanken der Medizinischen Klinik und der Chirurgischen Klinik, die Etablierung des neuen Fachs Trans­fusions­medizin in der Bayerischen Hochschulmedizin und das Zusammenführen von Transfusionsmedizin, Immunhämatologie und Hämostaseologie. Professor Schricker legte damit Grundlagen, die es zu bewahren und auszubauen galt und gilt, sind sie doch in dieser Form einzig in der Bayerischen Hochschulmedizin und sorgen für eine optimale Qualität der Patientenversorgung.

 

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